Billiges Öl bremst die Energiewende

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Der gesunkener Brennstoffpreis wird ökologisch zum Problem. Doch nicht nur deswegen ist ein Pellet-Pilotprojekt in Hamburg gescheitert.

Hamburg.  Innerhalb von zwei Jahren hat sich der Heizölpreis halbiert – von rund 80 Euro je 100 Liter Anfang 2014 auf aktuell rund 40 Euro im Wochendurchschnitt. Am gestrigen Donnerstag konnte man Heizöl sogar bei einigen Anbietern online für 35 Euro kaufen. Dieser rapide Preisverfall hat nicht nur negative Auswirkungen auf Ölproduzenten, sondern auch die von der Politik ausgerufene Energiewende gerät so zunehmend in Gefahr.

Denn wer in Deutschland von der Energiewende spricht, denkt meist nur an den Strommarkt. Aber Strom macht lediglich 20 Prozent des Energieverbrauchs aus – der Löwenanteil von rund 50 Prozent betrifft die Wärmeproduktion. Bei den privaten Haushalten liegt der Anteil des Heizens sogar bei 75 Prozent.



Gerade ältere Heizungen hinken den Klimaschutzstandards deutlich hinterher. Und daran wird sich vorerst wohl wenig ändern, denn eine Umstellung von Heizöl auf klimafreundliche Alternativen lohnt sich kaum noch. Der Grund: Ökologisch sinnvolleres Erdgas oder Holzpellets können beim Preis nicht mithalten. Sogar der Ersatz alter Ölheizungen durch effiziente Brennwerttechnik rechnet sich inzwischen kaum noch.


Zur Jahreswende erhöhte das Bundeswirtschaftsministerium zwar die Fördersätze für effizientere Gasheizungen und Anlagen, die erneuerbare Energien (Sonne, Erdwärme, Holz) nutzen, um Impulse für eine "Wärmewende im Heizungskeller" zu geben. Das Programm sollte helfen, die gesteckten Klimaziele im Wärmebereich zu erreichen. Doch das billige Öl lässt die Menschen umdenken.
 


"Heizungsanlagen im Bestand werden nur noch zögerlich ausgetauscht", sagt Karsten Seils, Leiter der Heizungsabteilung des Hamburger Handwerkbetriebs Walter Reyher mit 65 Mitarbeitern. Das gelte erst recht für den Einsatz von erneuerbaren Energien: Die Erdwärme habe es in Hamburg immer schon sehr schwer gehabt, sagt der Heizungsinstallateur. Auch Solaranlagen, die Wasser erwärmen (Solarthermie) würden "so gut wie gar nicht mehr" nachgefragt. Und Holzpellets kämen derzeit höchstens noch am Stadtrand zum Einsatz.



"Wir haben spürbar weniger Aufträge", sagt Fritz Schellhorn, Obermeister der Innung SHK (Sanitär, Heizung, Klempner) Hamburg. Vor allem beim Ersatz von alten Heizungen liege die Austauschquote weit unter dem Niveau, das nötig wäre, um die gesetzten Einsparziele für das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) zu erreichen. "So lange der Schornsteinfeger nicht feststellt, dass die Abgasverluste über den erlaubten elf Prozent liegen, wird das alte Gerät weiter betrieben", so Schellhorn.



Noch schlechter sei die Lage bei den erneuerbaren Energieträgern: "Bei Pelletkesseln, Wärmepumpen und Solarthermie gibt es massive Einbrüche. Und das obwohl Förderprogramme für Sanierungen oft vorschreiben, erneuerbare Energien einzubinden."



"Das Interesse an Beratungen zum Förderprogramm ,Erneuerbare Wärme' hat nachgelassen", sagt auch Kai Hünemörder, Leiter des Zentrums für Energie-, Wasser- und Umwelttechnik (ZEWU) der Handwerkskammer. "Das hat natürlich mit den niedrigen Energiepreisen zu tun. Auch ein Dieselpreis unter einem Euro, den Hausbesitzer täglich an den Tankstellen sehen, spornt nicht dazu an, eine veraltete Heizungsanlage sanieren zu lassen."



Ein Problem für Investitionsentscheidungen sei, dass die Energiepreise nicht planbar zu berechnen seien, sagt Hünemörder und nennt als Beispiel die Preisentwicklungen von Öl und Gas im Vergleich zu Holzpellets. "Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends wurde immer davon ausgegangen, dass die Preise von den fossilen Energien dynamisch ansteigen werden, die Pelletpreise dagegen statisch sind. Doch diese Situation hat sich deutlich geändert."



Tatsächlich lagen die Kosten einer Kilowattstunde (kWh) Wärmeenergie aus Holzpellets jahrelang konstant unter fünf Cent. 2012 überschritten sie die Fünf-Cent-Marke, folgten danach aber dem Abwärtstrend des Heizölpreises – heute kostet die Kilowattstunde Pelletwärme 4,83 Cent. Die Heizölkosten gipfelten 2012 bei gut neun Cent pro Kilowattstunde. Danach fielen sie rasant auf aktuell rund 3,80 Cent/kWh. Im Frühjahr 2015 war das Heizen mit Öl erstmals seit Ende 2009 preiswerter als mit Gas, im Dezember 2015 erstmals preiswerter als mit Holzpellets.



Für den Klimaschutz würde es sich lohnen, der Pellettechnik aus ihren Kinderschuhen zu helfen. Denn der eingesetzte Rohstoff Holz (meist Sägespäne) wächst nach und bindet dabei so viel CO2 wie bei der Verbrennung frei wird. Deshalb gelten Holzpellets als klimaneutral. Auch ihre Herstellung kostet relativ wenig Energie. Bezogen auf den Brennwert sind es nach Berechnungen des Öko-Instituts Darmstadt 6,6 Prozent gegenüber 14,4 bei Heizöl und 12,3 Prozent bei Erdgas.



Der Deutsche Energieholz- und Pelletverband (DEPV) blickt trotz des niedrigen Heizölpreises optimistisch in die Zukunft. Grund sind die gerade erhöhten staatlichen Fördersätze. "Für einen Pelletkessel mit Pufferspeicher wird es künftig mindestens 4800 Euro an Zuschüssen geben", sagt DEPV-Geschäftsführer Martin Bentele. "Bessere Förderbedingungen für den Heizungstausch weg von fossilen hin zu erneuerbaren Energien findet man nirgendwo."



Doch Holzpellets haben neben den niedrigen Ölpreisen mit einer zweiten Hürde zu kämpfen: Die Anlagentechnik ist nicht ausgereift. "Pelletheizungen müssen zweimal im Jahr gewartet werden. Sie fördern die Pellets mit einer mechanischen Schnecke in den Brennraum, das bedeutet Verschleiß. Der Speicher und die Ascheausfuhr müssen regelmäßig kontrolliert werden", sagt Innungsmeister Schellhorn. Sein eigener Betrieb habe bislang nur eine Hand voll Pelletheizungen installiert.



Einer der ersten, die auf die Pellettechnik gesetzt haben, ist die Mietergenossenschaft Gartenstadt Farmsen. "Wir haben 2003 in acht Heizzentralen 13 Pelletkessel einbauen lassen, die 142 Wohnungen versorgten", sagt Uwe Jentz, Vorstand der Mietergenossenschaft Farmsen. "Zehn Jahre später haben wir alle Kessel wieder ausgebaut, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Denn es gab viele Ausfallzeiten. Manchmal haben wir drei bis vier Wochen auf Ersatzteile gewartet."



Aufgrund der Anfälligkeit der Anlagen sei extra ein technisch versierter Rentner angestellt worden, der sich um die Geräte kümmerte. Aber auch das reichte nicht aus. "Unterm Strich waren die Wartungskosten so hoch, dass wir sie nicht auf die Mieter umgelegt haben. Wir trugen sie selbst, um die betroffenen Mieter nicht gegenüber anderen, deren Wohnungen mit Gas beheizt werden, zu benachteiligen."



"Ein grundsätzliches Problem beim Heizungsaustausch ist die Tatsache, dass Öl- und Gasheizungen deutlich robuster sind als alternative Techniken", sagt Hünemörder. Er hofft, dass vor allem energieintensive kleine und mittelständische Betriebe wie Fleischer, Bäcker oder Metallverarbeiter nicht durch die niedrigen Ölpreisen die Umrüstung auf energiesparende Technik versäumen: "Wenn die Preise der fossilen Energieträger sprunghaft ansteigen, verschwinden solche Betriebe vom Markt." Immerhin förderten niedrige Renditen am Kapitalmarkt Investitionen in die (Energie-)Zukunft. Das sei ein kleines Gegengewicht zu den dahin geschmolzenen Heizkosten.

Artikel des Hamburger Abendblatt